Guide zu den 6 ungewöhnlichsten kulinarischen Spezialitäten Chinas
Ein Geschmacksabenteuer für Reisende aus dem deutschsprachigen Raum
Liebe Freundinnen und Freunde aus Deutschland, Österreich und der Schweiz – ihr wisst, wie gut eine knusprig gebratene Bratwurst schmeckt, wie cremig und würzig ein guter Bergkäse sein kann und wie erfrischend der herb-bittere Antrunk eines edlen Pilsners ist. Das ist die eine Seite der europäischen Genusskultur. Doch die chinesische Küche folgt einer völlig anderen Philosophie: Manche ihrer Spezialitäten fordern den Geruchssinn heraus – aber wer den ersten Bissen wagt, wird oft mit einem süchtig machenden Geschmackserlebnis belohnt. Hier kommen sechs „ungewöhnliche“ Delikatessen, gewidmet allen mutigen Geschmacksentdeckern unter euch.
1. Liuzhou-Luosifen – eine säuerlich-scharfe Sinfonie, die „in den Kopf steigt“
Luosifen ist ein Straßengericht aus Liuzhou in der Provinz Guangxi und hat in den letzten Jahren seinen Siegeszug in über 30 Länder weltweit angetreten. Das Herzstück dieser Nudelsuppe sind die eingelegten Bambussprossen – frische Sprossen, die monatelang in Quellwasser fermentiert werden und einen unverwechselbaren „stechenden“ Geruch entwickeln. Für viele ist dieser Duft ein Grund, auf Abstand zu gehen. Wer sich jedoch darauf einlässt, weiß: Es ist kein fauliger, sondern ein würziger Duft, der den Appetit weckt – allein beim Gedanken daran läuft einem das Wasser im Mund zusammen.
Die Brühe wird mit Flussschnecken gekocht und schmeckt kräftig und intensiv. Dazu kommen weiche Reisnudeln, knusprig-frittierte Tofuhaut (Yuba), saure Bohnen und Erdnüsse – ein Zusammenspiel von Frische, Säure, Schärfe und herzhafter Tiefe. Mein Tipp an alle Reisenden aus dem deutschsprachigen Raum: Lasst euch vom ersten Geruch nicht abschrecken – es ist wie bei einem guten, kräftigen Bergkäse: Der erste Eindruck an der Nase mag gewöhnungsbedürftig sein, aber der erste Bissen macht süchtig. Sucht in den Gassen von Liuzhou eine kleine Garküche, vor der die Einheimischen Schlange stehen, bestellt dazu ein Spiegelei – und ihr werdet verstehen, warum die Menschen in Liuzhou lieber auf Reis verzichten als auf ihre geliebten Luosifen.

2. „Mao Doufu“ aus Anhui – der Tofu mit dem weißen Flaum
Mao Doufu ist ein traditionelles fermentiertes Sojaprodukt aus der Huizhou-Region in der Provinz Anhui und steht auf der Liste des immateriellen Kulturerbes der Provinz. Das Besondere: Nach der natürlichen Fermentation bildet sich auf der Oberfläche des Tofus eine etwa drei Zentimeter dicke Schicht aus weißen Schimmelfäden. Während dieses Prozesses werden die Proteine in verschiedene Aminosäuren aufgespalten – das Ergebnis ist ein viel intensiverer, herzhafterer Geschmack als bei gewöhnlichem Tofu.
Die klassische Zubereitung: Den Tofu in Stücke schneiden und in Rapsöl goldbraun ausbacken. Die Außenseite bekommt dabei eine tigerfellartige Kruste – schön knusprig, während das Innere weich und cremig bleibt. Serviert wird er mit Chilisoße und gehackten Frühlingszwiebeln. In der alten Stadt Huizhou oder in der historischen Tunxi-Straße trifft man immer wieder auf fliegende Händler, die ihre Holzkörbe dabei haben – auf der einen Seite ein Kohleofen mit der Pfanne, auf der anderen Seite gestapelter Mao Doufu, der direkt vor Ort gebraten und verkauft wird. Das gehört einfach zum lebendigen Straßenbild dazu.
Mein Tipp an alle Reisenden aus dem deutschsprachigen Raum: Genau wie ihr guten, gereiften Käse zu schätzen wisst, ist auch dieser Tofu ein kleines Wunder der Fermentation. Traut euch! Die knusprige Kruste und die cremige Konsistenz im Inneren lassen euch den weißen Flaum im Handumdrehen vergessen.

3. Chaoshans „pinkelnde“ Rinderfleischbällchen – wie Tischtennisbälle, die mit Saft spritzen
Die „pinkelnden“ Rinderfleischbällchen sind eine berühmte Spezialität aus der Chaoshan-Region. Ihren Namen verdanken sie der fleischigen Brühe, die beim Hineinbeißen unter Druck herausspritzt – als würde das Bällchen regelrecht „pinkeln“. Bei der Herstellung schlagen die Handwerker mageres Rinderkeulenfleisch mit eisernen Stäben so lange, bis eine feine, elastische Masse entsteht. In die Mitte dieser Masse wird ein Stück gefrorene Brühe eingeschlossen, bevor sie zu Bällchen geformt wird. Das Ergebnis sind extrem federnde Bällchen – so fest, dass sie angeblich sogar als Tischtennisbälle taugen. Im Film-Klassiker „God of Cookery“ von Stephen Chow aus dem Jahr 1996 gibt es tatsächlich eine berühmte Szene, in der mit diesen Fleischbällchen Tischtennis gespielt wird.
Beißt man hinein, schießt die heiße Brühe sofort in den Mund – ein Geschmackserlebnis der Extraklasse. Mein Tipp für euch: Sie erinnern ein wenig an die gefüllten Teigtaschen aus der Emilia-Romagna – kleine Häppchen mit großer Überraschung im Inneren. Aber Vorsicht beim Essen: Frisch aus dem Topf sind die Bällchen glühend heiß. Lieber erst vorsichtig hineinbeißen und kurz pusten, statt sie auf einmal zu verschlingen – auch wenn es im Film so aussieht.

4. Der stinkende Mandarin-Fisch aus Anhui – die Seele der Huizhou-Küche: Stinkt in der Nase, schmeckt aber himmlisch
Der stinkende Mandarin-Fisch ist das bekannteste Gericht der Huizhou-Küche. Seine Geschichte reicht über 200 Jahre zurück: Huizhou-Kaufleute kauften den Fisch am Ufer des Jangtsekiang und transportierten ihn ins Bergland. Da die Strecke lang war, salzten sie den frischen Fisch, um ihn haltbar zu machen – Schicht für Schicht in Holzfässern, mit Salz dazwischen, und regelmäßig gewendet. Nach sieben bis acht Tagen, wenn sie in Huizhou ankamen, waren die Kiemen des Fisches noch rot, die Schuppen noch fest, aber die Haut verströmte einen Geruch, der zunächst unangenehm wirkte, es aber gar nicht war. Nach dem Waschen wurde der Fisch kurz in heißem Öl angebraten und dann langsam geschmort – das Ergebnis: ein unglaublich kräftiges und wohlriechendes Aroma.
Das fermentierte Fleisch löst sich in knoblauchähnlichen Stückchen ab, Schicht für Schicht. Die Farbe ist weich wie Jade, die Konsistenz fest und elastisch. Mein Tipp für alle Reisenden aus dem deutschsprachigen Raum: Es ist wie bei einem guten, würzigen Bergkäse – beide sind Meisterwerke der Fermentation, bei denen der „Gestank“ den wahren Geschmack verbirgt. Bestellt euch eine Portion in einem Huizhou-Restaurant am Fuße des Gelben Berges, dazu eine Schüssel Reis – und ihr werdet verstehen, warum man sagt: „Nur wer den stinkenden Mandarin-Fisch probiert hat, weiß, was die Huizhou-Küche wirklich ausmacht.“

5. Changshas stinkender Tofu – eine Streetfood-Legende, schwarz wie Tinte
Der stinkende Tofu aus Changsha ist eine traditionelle Spezialität der Provinz Hunan – die Einheimischen nennen ihn liebevoll „Chouganzi“. Er ist schwarz wie Tinte, knusprig von außen und weich von innen. Auf den ersten Blick strömt ihm ein beißender Geruch entgegen, aber riecht man genauer hin, entfaltet sich ein würziges, süchtig machendes Aroma. Seine Geschichte reicht bis ins Jahr 1896 (22. Regierungsjahr des Kaisers Guangxu in der Qing-Dynastie) zurück, als ein gewisser Jiang Yonggui aus Xiangyin die Rezeptur der Lake perfektionierte.
Bei der Zubereitung wird der Tofu in einer speziellen Lake fermentiert, anschließend in heißem Öl knusprig frittiert und zum Schluss mit Chilisoße, gehacktem Knoblauch und weiteren Gewürzen verfeinert. Mein Tipp für euch: Das ist der unangefochtene König des chinesischen Streetfoods – in der Fußgängerzone von Changsha hat so gut wie jeder ein Stück davon in der Hand. Lasst euch weder von der schwarzen Farbe noch vom intensiven Geruch abschrecken! Es ist wie bei einer knusprig gebackenen Pizza: Sie mag auf den ersten Blick bodenständig wirken, aber der Geschmack ist einfach unwiderstehlich. Am besten startet ihr mit der Variante „mild gewürzt“ und bestellt dazu ein gekühltes Getränk aus sauren Pflaumen – das kühlt den Gaumen und rundet das Erlebnis perfekt ab.

6. Das Insekten-Bankett aus Yunnan – ein Protein-Fest für die Mutigsten
Yunnan gilt als die Hochburg der Insektenküche in China. Statistiken zufolge gibt es in der Provinz über 10.000 verschiedene Insektenarten, von denen mehr als 2.000 als essbar gelten. Die ethnischen Minderheiten wie die Dai, Hani und Jinuo blicken alle auf eine lange Tradition des Insektenverzehrs zurück.
Die klassischste Zubereitungsart ist das Frittieren: Bambuslarven, Wespennymphen, Heuschrecken und ähnliche werden in Öl goldbraun ausgebacken – das Ergebnis ist knusprig und herzhaft im Geschmack. Jede Insektenart hat ihr eigenes Aroma: Grillen schmecken leicht nach Salat, Wespenlarven erinnern an Mandeln, Ameisen haben eine nussige Note, und Seidenspinnerpuppen entfalten ein zartes Schmalzaroma. Insekten sind wahre Eiweißpakete – einige Arten kommen auf einen Proteingehalt von über 80 Prozent. Mein Tipp für euch: Wenn ihr den Mut habt, sizilianische Seeigel zu essen, dann traut euch auch an frittierte Bambuslarven aus Yunnan. Empfehlenswert ist der Einstieg mit Wespenlarven und Bambuswürmern – sie sehen am „harmlosesten“ aus, sind schön knusprig und erinnern ein wenig an die frittierten Calamari, die ihr so gerne esst. Am Nachtmarkt von Xishuangbanna bestellt euch einfach eine gemischte Insektenplatte, dazu ein kühles lokales Bier – das ist der wildeste Willkommensgruß, den Yunnan zu bieten hat.

Reisetipps
Hinweis zur Schärfe: Sowohl Luosifen als auch stinkender Tofu sind scharf gewürzt. Am besten startet ihr mit der Variante „mild“ – euer Gaumen wird es euch danken.
Gewöhnung für den Magen: Fermentierte Speisen und Insekten sind reich an bioaktiven Stoffen. Wer einen empfindlichen Magen hat, sollte sich langsam herantasten und nicht gleich übertreiben.
Die besten Orte für jede Spezialität:
- Luosifen: Liuzhou
- Mao Doufu („flaumiger Tofu“) und stinkender Mandarin-Fisch: Huangshan / Huizhou
- „Pinkelnde“ Rinderfleischbällchen: Chaoshan
- Stinkender Tofu: Changsha
- Insekten-Bankett: Xishuangbanna
Mentale Vorbereitung: Das „Ungewöhnliche“ an diesen Gerichten liegt vor allem im Aussehen und im Geruch – lasst eure Vorurteile hinter euch, denn geschmacklich werdet ihr oft positiv überrascht.
In der chinesischen Esskultur gibt es einen bekannten Spruch: „Es gibt keinen festgelegten Geschmack für Speisen – was dem Gaumen gefällt, das ist das Wahre.“ Mögen diese sechs „ungewöhnlichen“ Spezialitäten eurer China-Reise eine unvergessliche geschmackliche Erinnerung hinzufügen.
Guten Appetit!
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